Verfasst von: Reiner Dung | Dezember 1, 2014

In einer echten sozialen MarktWirtschaft gäbe es keine AltersArmut

HungerRente

 

Gruner + Jahr Kündigungen: offener Brief einer Journalisten, die Altersarmut fürchtet

Gabriele Riedle ist langjährige Geo-Redakteurin. Wie andere Journalisten bei Gruner und Jahr wird auch sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Ein offener Brief an die G+J-Vorstandschefin Julia Jäkel. Sie marschiere „geradewegs in die Altersarmut“, fürchtet die 56-Jährige. Bei G+J heißt es, Riedle hätte lieber das persönliche Gespräch suchen sollen.

Sehr geehrte Frau Jäkel,

seit vielen Jahren bin ich als Redakteurin bei GEO oft in ziemlich gefährlichen Gegenden und mit enormem Risiko für Leib und Leben unterwegs. Afghanistan, Jemen, Liberia, Haiti, Darfur, Tschetschenien, Libyen – es gab viele Recherchereisen, deren glücklicher Ausgang keineswegs garantiert war.

Jetzt wurde auch mir die Kündigung angekündigt.

Begründung: Ich sei, da man nun eine “Netzwerkredaktion” der “Schlüsselkompetenzen” einrichten wolle, zu wenig spezialisiert und zu sehr Generalistin (was noch vor Kurzem der Generalschlüssel dazu war, besonders geschätzt zu werden). Die Dienste überall einsetzbarer Leute, die von einem Tag auf den anderen unter Umständen auch in krisenhafte Regionen reisen, kaufe man demnächst günstiger auf dem Markt.

Bei GEO und bei BRIGITTE gibt es eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls von Kündigungsankündigungen betroffen sind. In guter journalistischer Tradition möchte ich versuchen, zu beschreiben, welche Auswirkungen Entscheidungen, die höheren Ortes getroffen werden, auf Einzelne haben. In diesem Fall beispielhaft für mein Leben.

Nicht dass ich dächte, das würde auch nur das Allergeringste ändern. Was ich aber möchte, ist mit diesem offenen Brief klarzumachen, welche – ich muss wirklich sagen: elementaren – Folgen das Kündigungsansinnen, für das Sie mit die Verantwortung tragen, für meine Existenz hat.

Ich bin jetzt 56 Jahre alt, am 30. 9. 2015, also an meinem möglicherweise letzten Arbeitstag, werde ich über 57 und auf den Tag genau 14 Jahre bei GEO fest angestellt gewesen sein.

Ich habe damit schon insofern Pech, weil ich paradoxerweise aus einigen Vergünstigungen herausfalle, die – nicht ohne Grund – sowohl das Arbeitsrecht als auch der mutmaßliche Sozialplan vorsehen. Ab 55, die ich ja längst überschritten habe, beträgt die Kündigungsfrist nämlich eigentlich 12 Monate (statt bis dahin wohl sechs), aber nur im Falle von 15 Jahren Betriebszugehörigkeit, die ich wiederum nur knapp unterschreite, auch wenn ich vor meiner Festanstellung mehrere Jahre als angeblich Freie für GEO gearbeitet habe.

Gleichzeitig sind meine Aussichten auf eine wie auch immer geartete sozialversicherungspflichtige Tätigkeit – nicht nur wegen meines Alters – bekanntlich absolut gleich null. Gerade deshalb, weil ich hochqualifiziert bin und sich der Kreis möglicher Arbeitgeber im deutschsprachigen Raum damit auf eine Handvoll beschränkt. Ein Lokalblatt wird keine ehemalige Geo-Reporterin einstellen.

Nach dem Zeitpunkt meiner möglichen Entlassung werde ich noch ziemlich genau neun Jahre arbeiten müssen, also bis ich 66 bin.

Selbst wenn ich meinen Arbeitsplatz nicht verlöre, würde meine Rente wohl nur sehr knapp reichen. Denn erstens bekomme ich keine Betriebsrente, zweitens hatte ich in meinem ganzen Leben, ähnlich wie viele Frauen, insgesamt nur rund drei Jahre eine volle Stelle (bei der “Woche”). Der Rest war taz (praktisch keine Rentenansprüche), Freiberuflertum (ebenfalls praktisch keine Rentenansprüche), bei GEO sieben Jahre Teilzeit mit 75 %, fünf Jahre mit 50 % und ein Jahr mit 66% (ich hatte meine Arbeitszeit übrigens freiwillig weiter reduziert, um der Redaktion bei ihren Sparbemühungen entgegenzukommen). Da kommt nicht viel zusammen.

Und bei diesen Einkommen blieb auch sonst nichts übrig. Nichts für Ersparnisse, Eigentumswohungen etc., Erbe habe ich auch keines, keine Familie mit minimalem Geld und auch keinen Gatten mit Einkommen oder Vermögen.

Wenigstens zahle ich bisher regelmäßig in eine private Rentenversicherung ein. Das werde ich mir nach einem Arbeitsplatzverlust auch nicht mehr leisten können.

Kurz: Ich marschiere geradewegs in die Altersarmut.

Aber wie überhaupt überleben bis 66?

Die wiederholten Aussagen von Verlagsseite, die Zeiten für Freie seien noch nie so günstig gewesen wie heute, empfinde ich schlicht als Hohn.

Ich bezweifle schon, dass sie für junge, dynamische Männer gilt, die seit Jahren bestens vernetzt sind etc. Denn wir alle wissen, dass ein Markt, der so voll ist mit Freien, die Preise nicht gerade erhöht und auch sonst nirgendwo eine große Neigung zum Geldausgeben besteht.

Vor allem geht es aber auch hier um das Alter.

Es ist schlicht ein Unterschied, ob man sich, sagen wir: als Mann Mitte 30 oder 40 oder als Frau Ende 50 auf den freien Markt begibt, und wir wissen, dass es Jahre dauert, bis man sich das entsprechende Netz aufgebaut hat, das einen auch nur ansatzweise überleben lässt.

Hier meine minimalen Erfahrungen der letzten Jahre: Da ich lange Zeit eine halbe Stelle hatte, und es mir eigentlich erlaubt war, für andere zu schreiben, hatte ich versucht, entsprechende Kontakte zu knüpfen. Mit geringem Erfolg.
Diverse Wichtigmenschen haben überhaupt nicht geantwortet, einer hat mich, ohne abgesagt zu haben, in einem Café sitzen lassen, und eine alte Kollegin bei der Zeit schrieb mir soeben, sie würde sich gerne dafür einsetzen, dass ich “auf die allerdings ziemlich lange Liste der freien Autoren” gesetzt würde, wobei wir von den Honoraren, die die Zeit Freien zahlt, gar nicht sprechen dürfen.

Und was sollte ich den einschlägigen Wichtigmenschen eigentlich erzählen? Ich bin aus der Textredaktion von GEO rausgeflogen, weil ich so eine wahnsinnig tolle Journalistin bin?

So werde auch ich eine der inzwischen schon vielen Kolleginnen und Kollegen werden, die ihren Beruf nur noch unter den denkbar schwierigsten Bedingungen ausüben können, wenn überhaupt.

Ansonsten höre ich immer wieder, ich könnte ja Bücher schreiben. Kann ich. In meinem, Genre, dem literarischen, und als Autorin der sehr angesehenen Anderen Bibliothek bringt das maximal 8000 Euro brutto für 12 oder 13 Monate Arbeit.

Kann sich eigentlich jemand vorstellen, wie es ist, nicht etwa nach dem Abschluss der Journalistenschule, sondern Ende 50 damit anfangen zu müssen, Klinken zu putzen?

Oder wie es ist, nicht mit Ende 20 oder so, sondern mit 57..63…65 von der Hand in den Mund leben zu müssen?

Und wie es überhaupt ist, in meinem Alter plötzlich vor dem Nichts zu stehen? Ohne Vermögen, ohne auch nur die allergeringsten Strukturen, Sicherheiten und Perspektiven, vollkommen auf sich alleine gestellt.

Dass ich in existentielle Not geraten würde, wenn ich meinen Arbeitsplatz verlöre, das war mir immer klar. Aber niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich, bei allem sonstigen Selbstbewusstsein, einmal derartig von Selbstzweifeln und sogar von Scham (!) überfallen werden würde – denn warum trifft es gerade mich?

Da ist dieses nicht wertgeschätzt und ausgestoßen zu werden. Und: Das nahende Ende guter Freundschaften in der Redaktion, die nicht mehr dieselben sein werden unter völlig anderen Voraussetzungen. Und vor allem: das Ende langjähriger äußerst respektvoller kollegialer Beziehungen, und sehr guter Zusammenarbeit mit anderen. Arbeit ist ja nicht nur der Tausch von Dienstleistungen gegen Geld, sondern da ist immer auch etwas Familienartiges, im Guten wie im Problematischen. So viele Menschen, die mir letztlich verloren gehen werden. Nicht, weil etwas Schönes und Neues kommt, sondern durch – ich muss das so sagen: einen Akt der Gewalt.

Schließlich das Bewusstsein, dass alles umsonst war. Nicht nur die jahrzehntelange journalistische Erfahrung, der Hochschulabschluss, die Kenntnis mehrerer Sprachen, die journalistischen und literarischen Preise, die mir in dieser Hinsicht nun nichts mehr nützen. Sondern vor allem auch die enormen persönlichen Risiken, die ich immer wieder eingegangen bin. Dafür ist natürlich keine ewige Dankbarkeit zu erwarten, eine Kündigung aber ganz bestimmt auch nicht.

Frau Jäkel, ich finde, das alles sollten Sie wissen.

Mit freundlichen Grüßen,

Gabriele Riedle
http://homment.com/grunerkuendigung

Hunger Rente

😦

Anbetung
Kommetar
Martin Oppitz · Julius-Maximilians-Universität Würzburg

So sehr ich die Situation von Frau Riedle verstehe, muss man jedoch sagen, dass eine Großtei der Bevölkerung genau denselben Repressionen des Systems unterworfen ist! Offensichtlich sind die lieben Journalisten auch nicht mehr sicher auf ihrem Elfenbeinturm. Dennoch wird in den Mainstream-Medien genau diese „soziale Marktwirtschaft“ als so segensreich und gerecht, fair und alternativlos hingestellt. Schauen Sie bitte genau hin Frau Riedle, so wie Sie sich jetz fühlen, so fühlt sich die soziale Marktwirtschaft an. Sie fühlen sich beschämt, weil Sie sich benutzen ließen. Sie dachten das System sorgt für Sie, gell? Das tut es genau wie Sie es jetzt erleben!

Huldigung

🙂

Soziale MarktWirtschaft
Altersarmut in einem reichen Land

Die Logik eines scheinbaren Widerspruchs haben Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff analysiert.
Altersarmut erscheint in der öffentlichen Diskussion oft als unausweichliche Folge der gesellschaftlichen Alterung. Ein Blick ins vergangene Jahrhundert zeigt allerdings, dass eine solche Entwicklung nicht zwangsläufig ist: Die Lebenserwartung stieg in Deutschland von 1900 bis 2000 um über 30 Jahre, der Anteil der Über-65-jährigen stieg von unter 5 auf über 17 Prozent und zugleich halbierte sich der Anteil der Jugendlichen. Gleichwohl nahm die Altersarmut in dieser Zeit nicht zu, sondern sank sogar rapide; auch wuchs der Wohlstand der Erwerbstätigen, und das trotz kürzerer Arbeitszeiten. Wer ohne Scheuklappen in die Zukunft schaut, wird erkennen: Altersarmut ist keine Folge der demografischen Entwicklung, sondern einer gesellschaftlichen Umverteilung von unten nach oben. Das belegen wir in diesem Aufsatz mit zwei einfachen, leicht nachvollziehbaren Überlegungen…

TextAuszüge 🙂

Bei vielen Zukunftsstudien weisen die Autoren wichtige Annahmen für die Zukunft gar nicht oder sehr verklausuliert aus. Damit ist jede Überprüfung ihrer Glaubwürdigkeit von vornherein unmöglich, eine rechentechnische Kontrolle ebenso. Doch ein derart unseriöses Vorgehen schadet der Verbreitung der „Ergebnisse“ nicht, weil interessierte finanzkräftige Unterstützerkreise für die wohlwollende Öffentlichkeit sorgen. Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen und sein Institut für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tun sich hier besonders emsig hervor.

Steigende Lebenserwartung ohne gesundheitliche Fortschritte?

In puncto Pflegekosten hat sich Raffelhüschen wohl zum meistzitierten Experten Deutschlands gemausert. Nach seiner jahrelangen (und aus seiner Sicht: erfolgreichen) Lobbyisten-Tätigkeit für die private Rente haben er und sein Institut viele Studien zu den zukünftigen Kosten für Altenpflege bis 2050 oder gar 2060 erstellt.
So titelte Focus Online am 28. Juli 2007: „Pflegebeitrag: Raffelhüschen warnt vor Vervierfachung/Die Pflege älterer Menschen wird nach Berechnungen des Sozialexperten Bernd Raffelhüschen in den kommenden Jahren drastisch teurer werden.“ Das Ergebnis klingt auf den ersten Blick plausibel: Je mehr ältere Menschen es gibt, desto mehr Pflegebedürftige sollte es geben. Gleichwohl beruht die Argumentation auf einem schwerwiegenden methodischen Denkfehler. Zur Verdeutlichung erläutern wir diesen anhand von aktuellen Zahlen.
🙂

Zusammenfassung

Die gesellschaftliche Diskussion wird oft durch Negativbilder über die zukünftige Entwicklung geprägt. Die Demografie, genauer: die vermeintlich viel zu hohe Anzahl der älteren Menschen, soll an allem Übel schuld sein. Gesellschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne, Umverteilung von unten nach oben und soziale Ungleichheit werden dadurch verdeckt. Sinkende gesetzliche Renten und Armut im Alter sollen als zwangsläufig erscheinen. So konnten die an Umverteilung interessierten Kreise leicht verständliche volkswirtschaftliche Betrachtungen wie die Wirkung selbst von geringen Produktivitätssteigerungen systematisch aus der Debatte ausblenden. Zu Experten emporstilisierte Wissenschaftler schrecken in ihren unterstützenden Studien selbst vor den absurdesten Annahmen für die Zukunft nicht zurück: kein Bevölkerungsausstauch mit dem Ausland trotz hohem Fachkräftemangel; sieben Jahre länger leben, aber alle komplett in Krankheit und Pflege… Da sie diese Annahmen der Öffentlichkeit gegenüber weitestgehend verschweigen, gelten die Ergebnisse solcher Rechnungen als „realistischer“ Blick in die Zukunft. Willfährige Journalisten verkürzen die Botschaft zu eingängigen Schlagzeilen, die sie als „Fakten, Fakten, Fakten“ verkaufen. Aufklärung, das sei abschließend betont, ist schwierig, aber möglich!

Im vollständigen Buchbeitrag finden Sie nicht nur Belege für alle Aussagen, sondern auch weitere Beispiele: die volkswirtschaftliche Betrachtung, dass ein wachsender „Kuchen“, aufgeteilt auf weniger Gäste, nicht kleinere, sondern größere Kuchenstücke für jeden ergeben müsste; historische Belege für die These, dass die Reallöhne auch bei steigenden Rentenbeiträgen steigen können; absurde Annahmen in der Propaganda für Riester-Fondssparpläne, seinerzeit vorgebracht von der angeblich seriösen Zeitschrift „Finanztest“; eine Beispielrechnung, die die gravierenden Folgen von Raffelhüschens „Denkfehler“ bei der Pflegebedürftigkeit belegt; sowie mehrere Beispiele für die beliebte Täuschungsmethode, kleine Veränderungen über lange Zeiträume aufzuaddieren.

Den gekürzten Artikel entnehmen wir dem heute bei Campus erscheinenden Buch „Armut im Alter – Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung“ (hg. v. Christoph Butterwegge, Gerd Bosbach und Matthias Birkwald).

Den ganzen Artikel von Wolfgang Lieb lesen:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=15029#more-15029

AltersArmut durch Experten

„Altersarmut ist eines der meistüberschätzten Phänomene der Gegenwart. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, auf ein armes Kind zu stoßen, etwa fünfmal größer, als auf einen armen Rentner zu stoßen.“
―Bernd Raffelhüschen

😦
Rente bei BildDung
https://bilddung.wordpress.com/?s=Rente&x=0&y=0

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