Verfasst von: Reiner Dung | November 11, 2012

Rede von Eugen Drewermann auf der Friedenskundgebung

Rede von Eugen Drewermann auf der Friedenskundgebung gegen
die Münchner “Sicherheitskonferenz” am 5. Februar 2011

Von Eugen Drewermann

Liebe Freundinnen und Freunde des Friedens,
liebe Bürgerinnen und Bürger,

wir stehen hier auf dem Marienplatz in München, weil im Reichstag
in Berlin und im Bayerischen Hof Volksvertreter sitzen, die das Volk
nicht vertreten, indem sie ihr Plädoyer für den Krieg abgeben,
während 70 Prozent des deutschen Volkes nach zehn Jahren des
Mordens kein anderes Votum hat, als ‘Raus aus Afghanistan’. Das
ist es, was wir heute Nachmittag den Herren Ischinger und Co. zu
sagen haben: “Raus aus Afghanistan, raus aus der NATO, Schluss
mit dem neokolonialen Militarismus und endlich ein Anfang wirklicher
Friedenspolitik.”

Der Krieg in Afghanistan hat begonnen mit einer Lüge und er wird
fortgeführt mit einer Lüge. Angeblich war er nötig in unbedingter
Solidarität mit den Vereinigten Staaten von Amerika als Antwort auf
den 11. September 2001. Jeder weiß, dass die Sicherheit Europas
oder Amerikas nicht von den Afghanen bedroht wird. Seit mehr als
2000 Jahren ist von diesem Gelände kein Krieg in irgendeiner
Richtung ausgegangen. Stattdessen aber hat Afghanistan seit dem
19. Jahrhundert 5 Kriege durch europäische Mächte erlebt, drei
durch die Briten, einer durch die Sowjetunion – angeheizt von den
Amerikanern, von Brzezinski – und nun höchstpersönlich durch die
Amerikaner selber. Um die Sowjets zu vertreiben, baute man als
Verbündete die Gotteskrieger von Al-Quaida auf, inthronisierte man
die Taliban. Und sie wären heute noch die Verbündeten der US-
Amerikaner, hätten sie im Juli 2001 bei der Konferenz in Bonn dem
Plan zum Bau von zwei Pipelines durch Afghanistan zugestimmt. Das
haben sie nicht. Sie haben die schlimmste aller Sünden begangen,
sich zu wehren gegenüber dem Industriekapital und der Erdölgier
von God’s own Country.

Tatsächlich hat schon Bundeskanzler Schröder damit angefangen
und der baronesque Kriegsminister Guttenberg ist nach vieler
Lügerei in diesem Punkte plötzlich ehrlich. Sicherheit ist nicht mehr
der Schutz der deutschen Bürger im In- und Ausland, Sicherheit ist
der Schutz unserer Finanz- und Wirtschaftsinteressen. Dafür zu
morden, dafür zu sterben ist unwürdig eines jeden Menschen. Der
verlogen begründete Krieg wird verlogen weitergeführt. Immer noch
wird sogar im Bundestag erzählt, dass wir ja doch dabei sind
Brücken zu bauen, Brunnen zu bauen, Krankenhäuser zu bauen,
Schulen zu bauen. Bitte schön – das könnten wir. Und täten wir seit
zehn Jahren nur dies, Afghanistan wäre ein Paradies des Friedens.
Alle Hilfsorganisationen erklären, dass sie gerne weitermachen
würden, aber – ohne Militär. Es ist nicht möglich, nach der
vernetzten Strategie von Frau Merkel, Krieg und Frieden
gleichermaßen zu haben. Das ist so viel, wie Senf vermischt mit
Pudding. Beides zusammen ist zum Kotzen und das ist die Politik,
die wir jetzt haben.

Rechnen Sie’s nur simpel vor! 300 Milliarden Dollar ist in zehn Jahren
alleine der US-Regierung der Krieg in Afghanistan wert gewesen.
Rechnen Sie es um auf ca. 15 Mio. afghanische Einwohner! Was
könnte diesen Menschen an Gutem geschehen sein, hätten wir nur
den verdammten Krieg vermieden, und nicht die Menschlichkeit nur
zum Vorwand der Inhumanität genommen. Hätten wir getan, was wir
zu tun vorgeben – in Ehrlichkeit und Wahrheit! Dass das nicht
möglich war, ist der Verrat.

Es wird erklärt, dass wir nicht raus könnten aus Afghanistan, ohne
nochmal richtig rein zu gehen nach Afghanistan – so, wie Richard
Nixon noch einmal bei der Weihnachtsoffensive 1972 richtig nach
Vietnam rein ging, um endlich daraus zu verschwinden. Wir hätten
Verantwortung, dass Afghanistan nicht in einem Bürgerkrieg zerfällt.
Wir sind längst keine schlichtende Partei mehr, weil wir selbst Partei
geworden sind. Selbst Herrn Ischinger hörte ich sagen, dass Frieden
in Afghanistan vermittelt werden müsste. Das kann nicht geschehen
durch Deutsche und US-Amerikaner – sie sind Kriegspartei.
Vermitteln aber könnten beispielsweise die Chinesen – ein Alptraum
der amerikanischen Außenpolitik. Denn dies ist die Wahrheit: der
Krieg in Afghanistan wird geführt für die beiden Erdölpipelines und
um den Fuß in die Tür zwischen Indien und China zu bekommen,
reinweg aus geostrategischen Gründen.

Weltmachtansprüche verdienen aber nicht den fortgesetzten Mord
von Menschen. Allenfalls diplomatisch mag man sich beliebt machen,
zum Beispiel in Pakistan. Frau Clinton aber hier im bayerischen Hof
hat nichts weiter zu erklären, als dass man in Pakistan im Swat-Tal
weiter Krieg führen muss gegen Al-Quaida. Nicht einmal 2 Milliarden
Dollar waren möglich, um die riesigen Flutopfer der Indus-
Überschwemmung aufzufangen, aber 300 Milliarden für Krieg im
Nachbarland. Bei solchen Proportionen macht man sich nicht beliebt,
sondern verhasst – und das mit Grund bei jedem Fühlenden. Wir
haben da nichts zu suchen – das ist die Wahrheit.

Also sagen wir: “Raus aus Afghanistan – heute eher, denn morgen”.
Denn es ist zu spät, wenn wir es morgen tun. Jeder Tag länger
kostet Menschenleben. Will man allen Ernstes sagen: “Wenn es
denn soweit ist und die Umstände es erlauben” – Originalzitat, sogar
von Herrn Guttenberg – dann werden wir abziehen? Mag sein, dass
im Jahre 2014 irgendwann ein Abzugstermin dämmert. Aber wollen
wir über dem blutbeschmierten Teppich von Tausenden von
Menschenleichen am Ende so tun, wie wenn wir einen
ungewinnbaren Krieg denn doch gewonnen hätten? Dieser Krieg ist
ein Verbrechen und er ist nicht zu gewinnen. Das ist die Wahrheit.

Inzwischen überstrapaziert man sogar die bestens ausgebildeten
und ausgerüsteten Soldaten. Die US-Armee leidet an den Kriegen in
Afghanistan und im Irak, inzwischen hat sie mehr als 200.000 GIs
leidend an posttraumatischem stress-disorder. Sie laufen aus dem
Ruder, sie sitzen zu Hause und sie geben die Planquadratangaben
an die US-Airforce weiter zum Bombardement auf ihre eigenen
Stellungen. Das ist der Kochtopf ihrer Hausfrauen. Sie leben in einer
permanenten Paranoia. Sie sind gefährlich für ihre Umgebung. Sie
wissen nicht mehr, was sie tun, und sie brauchen dringend
psychiatrische Hilfe. Weil das so ist, geht man über zum
Massenmord in rein technisierter Form. Obama hat den Krieg der
Predator-Drohnen endlos ausgedehnt. Und dann belügt man uns,
indem man erläutert, dass bei Kundus vielleicht ein Unfall, irgendein
Fehler bei der Nachrichteninformation geschehen sei. Was
Guttenberg bis heute leugnet, steckt wahrscheinlich dahinter. Die
Bundeswehr ist in Afghanistan längst dabei, zu tun, was die
Amerikaner seit langem machen: gezieltes Töten. Und Kundus war
wahrscheinlich deshalb ‘angemessen’ – in der Sprache von Herrn
Guttenberg – weil es um die Neutralisierung von Abdel Rahman ging,
einem hoch gestellten Talibanführer. Dann war es angemessen: 140
Tote nebenher, ‘kolateral damage’. Wer sich an diese Denkungsart
gewöhnt, hat aufgehört, ein Mensch zu sein – Herr Guttenberg! Und
er sollte nicht so tun, als wenn er Humanität verteidigt.

Nächst dem “Raus aus Afghanistan”, sagen wir “Raus aus der
NATO”. Sie hat genauso begonnen mit einer Lüge, nämlich, dass es
nötig wäre, die Bundesrepublik- West zu verteidigen gegen den
Sowjetimperialismus. Deutschland unter Adenauer hätte genauso
neutral bleiben können, wie die Österreicher. Aber die Amerikaner
wollten ein Aufmarschgebiet gegen den Ostblock, möglichst bis dicht
an seine Westgrenze. Und das hatten wir mitzumachen, indem wir
stramm standen. Aber man erzählte den Soldaten, wir würden all
das Grauenhafte im Krieg nur lernen müssen, um es zu verhindern.
Wären wir grässlich und abschreckend genug, würde niemand
wagen, uns anzugreifen. Es war eine Zeit, als wir uns
Regierungsbeamte hielten vom Formate Harry Trumans, der in
seinem Tagebuch nachrechnete, wie viele Atombomben man
braucht, um die Sowjetunion auszuschalten: zwei auf Petersburg,
drei auf Moskau, vier auf Wladiwostok, fünf auf Magnitogorsk, und
so weiter. Leute, die mit dem Atomkrieg Siege vorbereiten, haben
einen Sprung in der Schüssel. Sie sind keine Demokraten, sie sind
potenzielle Massenmörder.

Und ihre Macht hat noch lange nicht aufgehört. Selbst gegen den
Wunsch von Herrn Westerwelle sind wir außerstande, die restlichen
zwanzig Atomwaffen hier von Deutschland endlich zu entfernen. Wir
haben sogar bei den Trägerwaffen zu funktionieren, damit sie
einsatzbereit bleiben. Und Frau Clinton soll nicht so tun, als wären
die Start-Verträge ein Fortschritt in Sachen Frieden. Wir hätten bei
dem moralischen Splitting ‘Wir werden Soldaten, um niemals
Soldaten sein zu müssen’ spätestens 1989 eine glänzende Chance
gehabt, den ganzen Spuk zu beenden. Es war das dritte Mal, dass
ein Russe den Westdeutschen vorschlug, zum Preis für die
Wiedervereinigung aus der NATO auszutreten und mit dem
Zusammenbrechen des Warschauer Paktes gleichermaßen die
Aufrüstung der NATO zu beenden.

Stellen Sie sich vor, wir hätten seit 1989 einen entmilitarisierten
Korridor vom Ural bis zum Atlantik. Wir hätten gewaltige Summen für
Rüstung in Forschung und Wissenschaft, in Wirtschaft und
Menschlichkeit frei für die Bekämpfung der wirklichen Ursachen der
Kriege. Wenn ihr schon nicht auf uns hört im Bayerischen Hof, dann
hört zumindest auf euch selber, zum Beispiel auf Herrn Ban Ki-Moon.
Der hat heute Morgen genau das gesagt: wir sollten uns kümmern
um die Gründe der Kriege: Ungerechtigkeit und Hunger. Welche
Möglichkeiten hätten wir außerhalb der NATO, genau das zu tun,
was der UNO-Generalsekretär wünscht und will. Das sollte man
hören in der Höhle von Herrn Ischinger.

Stattdessen erzählt man uns, wir hätten eine Verpflichtung zur
Bündnistreue. Die NATO hat seit 1980 jede Treue zu sich selber
gebrochen. Nicht einmal die Lüge, sie wäre eine Verteidigungsarmee
hat irgendeinen Bestand. Sie ist eine aggressive Interventionsarmee
weltweit geworden. Bush der Ältere will seit 1989 die
Osterweiterung der NATO. Also ist sie dabei, die Ukraine zu spalten,
Georgien zu spalten, Kirgistan zu spalten, mit den Terrorregimen in
Usbekistan und Kasachstan zusammen zu arbeiten und den
Aufmarsch gegen Afghanistan zu etablieren. Sie mischt sich überall
ein, wo sie nichts verloren hat, in der permanenten Gier nach Erdöl,
Bauxit, Uran und allem was sie meint, brauchen zu müssen für ihren
Selbstbehalt. Uns gehört aber nicht die Welt, bloß weil wir
behaupten, sie zu gebrauchen. Immer noch sollten wir die Menschen
fragen, die dort wohnen, ob wir bei ihnen auch willkommen sind. Und
dann sollten wir uns so aufführen, dass wir es würden.

Die Militarisierung der deutschen Außenpolitik, für die Herr
Guttenberg als Schönling heute steht, ist von Grund auf verlogen,
weil sie humanitär begründet wird, aber kapital-interessiert,
militaristisch die Welt in ein einziges globalisiertes Schlachtfeld dabei
ist zu verwandeln. Deutsche gehören da nicht hin.

Inzwischen stehen die uns Regierenden vor dem Dilemma, wo sie
denn noch die Truppen her kriegen sollen, wenn immer mehr Leute
lieber Zivildienst leisten wollen, als in Uniform Paraden abzunehmen.
Also brauchen sie jetzt eine Berufsarmee. Unter dem Schwindel,
alles würde billiger, wird natürlich alles teurer. Aber, Herr
Guttenberg, das sagen wir Ihnen heute schon: so wie ich als
Vegetarier dagegen bin, dass an der Peripherie jeder Großstadt
Schlachthäuser stehen, so bin ich als Pazifist dagegen, dass an der
Peripherie unserer Gesellschaft Berufsschlächter stehen im Alter von
Zwanzigjährigen. Dies ist mit uns nicht zu machen, so schützt man
nicht den Frieden.

Eben deshalb aber wenden wir uns vor allem an die Jugendlichen,
die man verführen wird. Mit dem ganzen Aufgebot der
Massenmedien, der Springer- Presse, der Bertelsmann-Stiftung,
Ischingers und Co’s, die alle die Partitur spielen: ‘Wir müssen Helden
sein’. Sie werden in die Schulen kommen zu den 18-jährigen, in die
Universitäten zu den 20-jährigen und ihnen erläutern, dass sie einmal
für 1.000 bis 1.500 Euro Prämie pro Monat verdienstvoll tätig sein
könnten für das Vaterland. Ihr werdet nicht verdienstvoll für das
Vaterland sein, man macht euch zu bezahlten Auftragsmördern. Das
ist, was man will und dem solltet ihr euch verweigern.

Eben deshalb sagen wir: Schluss mit dem gesamten neokolonialen
Militarismus. Wir sagen es nicht allein aus politischen Gründen,
sondern mehr noch aus humanen und psychologischen Gründen.

Die Ausrede kann nach zwei verlorenen Weltkriegen nicht länger
sein, dass wir nicht gewusst hätten, was es bedeutet, Soldat zu
sein. Angesichts des Massakers in My Lai zum Beispiel in den
1970er Jahren beschrieb Stanley Millgram in seinem Buch ‘Über den
Versuch Abraham’ wie man beim Aufbau des Militärs buchstäblich
eine Parallelgesellschaft erzieht. Nichts, was im bürgerlichen Leben
Achtung hat, darf noch länger respektiert werden in Uniform und mit
dem Stahlhelm über dem Kopf, der einmal hat selbständig denken
können. Ab jetzt gilt die Unvernunft, ‘im Gleichschritt marsch’, ‘die
Augen links’, alles zu uniformieren in sinnlosen Befehlen, nur damit
die normale Kette menschlicher Einflussnahme ausgeschaltet wird.
1929 schrieb das Erich Maria Remarque bereits: “Wir haben nicht
gedacht, dass sechs Wochen genügen würden, uns alles, was
menschlich war in der Lektüre des Abendlandes von Platon bis
Schopenhauer, abzugewöhnen, damit wir gehorsam würden einem
ehemaligen Briefträger, nur weil er die richtigen Epauletten auf der
Schulter hat. Wir waren vorbereitet, Helden zu werden, aber nicht,
Zirkuspferde.” Genau das werdet ihr beim Militär. “Befehl ist Befehl”,
das wird man euch sagen. Und es gibt auf der ganzen Welt kein
Militär, in dem man lernt, einen Befehl zu verweigern. Was eigentlich
munkelt man herum, was Furchtbares auf der ‘Gorch Fock’
geschehen ist? Wie stellt man sich denn Kriegsausbildung vor, außer
dass man die normalen Gefühle abschaltet, außer dass man rein
hält, wo man rein halten soll, außer dass man tötet, was als
Tötungsziel gerade ausgegeben wird, und dies mitleidlos. Es darf
sich nicht mehr rückkoppeln über die Augen ins Gehirn. Es ist richtig,
weil irgendeine Auftrag gebende Instanz es gesagt hat. Im
Nürnberger Prozess war dies genau die Erklärung aller Nazi-
Granden. Die Amerikaner heute könnten wissen, wie verbrecherisch
es ist, mit dieser Ausrede durch Leben kommen zu wollen.

Aber nehmen Sie nur das Beispiel eines ‘american heroe’. 1995, zum
50. Jahrestag des Bombenabwurfes über Hiroshima und Nagasaki,
befragte man den Bomberpiloten Sweeney, was in all den
Jahrzehnten in ihm vorgegangen wäre. Er war damals noch nicht
einmal 25 Jahre. Und er hat mehr Menschen mit eigenen Händen
getötet, als jeder andere – 150.000 Menschen in wenigen
Sekunden. Sweeney verbat sich auf RTL in der Sendung mit
Günther Jauch damals die Frage: “Was soll das?” Und er fügte
hinzu: “Befehl ist Befehl! Jeder Soldat auf der Welt hätte das gleiche
getan.” Wo er recht hat, Mr. Sweeney, hat er recht. Dazu erzieht
man Soldaten. Und eben deshalb gehören Soldaten verboten, weil
sie die Verkörperung der exekutierten Unmenschlichkeit auf Befehl
sind.

Hochbezahlte Berufsschlächter in Uniform sind nicht Bürger in
Uniform, sie sind am Rande des Verbrecherischen konstitutiv, denn
dafür braucht man sie. Glauben wir wirklich, dass die Väter aus dem
sogenannten Zweiten Weltkrieg schlimmer wären, als die
Jugendlichen heute? Ein kleines Beispiel: Gebirgsjäger – genau die
Abteilung, bei der Herr Guttenberg selber einmal, wie er glaubt,
‘gedient’ hat. 1943 bekämpft man auf dem Peleponnes Partisanen.
Und die Folge? Ein ganzes Dorf, Kalavrita, mit 400 Menschen,
Frauen und Kindern wird hin gemäht. Ein Völkermord, weitgehend
unbekannt geblieben, weil ja ‘nur an Griechen’, weil ja ‘nur von der
Wehrmacht’, kein SS-Sonderkommando, nur ganz normaler Krieg
der Wehrmacht, von der Adenauer später sagte: “Sie ist rein
geblieben im Zweiten Weltkrieg.” Hol’s der Teufel, wenn das ‘rein’
ist.

Vor meinen Augen habe ich das Bild eines japanischen alten
Mannes, dem die Tränen in den Augen stehen. Er entsinnt sich der
Invasion in Nanking 1938. Er sagte: “Ich hätte es von mir selber nicht
geglaubt. Sechs Wochen Militärausbildung. Da war eine Frau mit
einem Kind auf dem Arm. Und ich, wie ich es gelernt habe, mit dem
Bajonett in eine Melone, ich …” – Wenn das aus Menschen wird,
aus ganz normalen Menschen, wie sie hier auf diesem Platze
stehen, in sechs Wochen, und die kaiserliche Armee schickt einen
triumphalen Ruf zum Himmel, um das Verbrechen in den Herzen von
Menschen hunderttausendfach zu übertönen, darf das nicht, weil es
eine grässliche Vergangenheit war, auch weiter im Schlachthof der
Geschichte jetzt die Zukunft werden. Nicht mit Herrn Ischinger, nicht
mit Herrn Guttenberg, nicht mit Frau Merkel, nicht mit Frau Clinton,
nicht mit der ganzen Bagage.

Ich höre sagen: “Es ist unverantwortlich, den Krieg beendigen zu
wollen – weil wir das Militär immer noch brauchen aus Gründen der
Sicherheit.” Das Militär ist die permanente Unsicherheit. Es schützt
nicht die Menschlichkeit, es ist selber die Unmenschlichkeit. Es
erringt nicht die Zukunft, es ist die verewigte Steinzeit. Das alles
gehört abgeschafft. Wer aber sagt: “Das ist nicht möglich”, den
müssen wir noch einmal setzen in den Bayerischen Hof. Da nämlich
erklärt gerade Frau Merkel: “Es gibt eine rote Linie.” “Die Würde
eines jeden einzelnen Menschen ist unantastbar”, spricht sie. Wie
kann sie dann Herrn Mubarak unterstützt haben, in dessen Land die
Überstellung von ‘Terrorverdächtigen’ für die CIA zum Zwecke der
Folter gang und gäbe war – zehn Jahre lang bereits, mit Wissen des
Bundesnachrichtendienstes und seiner Beihilfe.

“Die Würde des Menschen!” – Allerdings, jeder Soldat, den man
zusammen kujoniert zum bloßen Befehlsempfänger, schändet seine
eigene Würde. Es war mal das Prinzip der Moral, das Immanuel
Kant sagte: “Kein Mensch ist zu betrachten als ein Mittel zum
Zweck, sondern stets als ein Zweck an sich selber.” Gilt dies, ist
jedes Militär obsolet und inhuman. Soldat sein, bedeutet Zweck sein,
eine Tötungsmaschine zu werden auf Befehl. Allein, um die
Menschlichkeit der Zukunft zu erringen, müssen wir den Schlachthof
der Geschichte ein für allemal verlassen. Und das können wir, weil
es in der Logik der Geschichte liegt. Alle Konflikte wurden in den
letzten sechs- bis achttausend Jahren damit gelöst, dass wir an die
Peripherie Soldateska stellten, den Innenraum aber pazifizierten.
Heute wissen wir, dass der ganze Globus unser Auftrag ist. Daraus
folgt, dass es nur noch eine einzige soldatische Macht geben dürfte,
unterstellt der UNO, die aufgehört haben müsste, die Spielbühne der
USA zu sein, sondern wirklich das Organ der Vereinten Nationen. Es
liefe darauf hinaus, dass sämtliche nationalstaatliche Armeen zu
entwaffnen wären um dann lokal nicht lösbare Konflikte bei einer
unabhängigen Schiedsstelle der UNO verbindlich zu lösen und
rechtswirksam durchzusetzen. Das wäre das Ende des Militärs in
der Geschichte der Menschheit. Es gibt keine andere Zukunft –
jeder weiß das. Die Frage ist nur, wie viele Millionen Menschen noch
verhungern müssen, noch krepieren müssen, noch verzweifeln
müssen, eh ‘Diese’ es begreifen.

Es gibt keinen anderen Weg, als dass die Deutschen endlich lernen,
sich einmal richtig zu wehren. An dem Desaster sind vier Parteien
schuld. Ob Schwarz , ob Gelb, ob Rot, ob Grün – sie alle haben an
Afghanistan mitgemacht, sie haben uns belogen mit dem
sogenannten Hufeisenplan, um Serbien zu zerschmettern, sie haben
Weltverantwortung stets interpretiert als Kriegseinsatz. Und sie
sagen auch jetzt, dass wir, wenn wir gegen den Krieg sind,
populistisch und unverantwortlich reden. Frau Merkel und Co., wir
reden aus Verantwortung für den Frieden. Denn nichts ist
verbrecherischer und unverantwortlicher als der Krieg. Er lässt sich
nicht schönreden, er ist blutbeschmiert. Und Blut ist keine Farbe.

Das Nein zu dieser Kriegspolitik sprechen wir aus Überzeugung und
in Verantwortung. Aber manchmal muss man erst einmal NEIN
sagen, um das Falsche los zu werden, damit die Bahn frei wird für
das Richtige.

In Basel 1947 lag auf den Tod ein Mann, der den Zweiten Weltkrieg
kennen gelernt hatte, in eigener Erfahrung: Wolfgang Borchert, Autor
des Bühnenstückes ‘Draußen vor der Tür’. Es handelt von einem
Mann, der nach Hause kommt und nie mehr nach Hause kommen
kann, seiner inneren Zerrissenheit wegen. Wolfgang Borchert hat ein
Testament als Vermächtnis an die Menschheit hinterlassen, und ich
zitiere es zum Abschluss:

“Mann an der Werkbank! Wenn sie wieder kommen und dir
sagen, du sollst statt Kochgeschirren und Töpfen Handgranaten und
Kanonenrohre ziehen – Mann an der Werkbank, sag NEIN!

Und Mutter in Deutschland! Mutter in der Ukraine! Wenn sie
wieder kommen und dir sagen, du sollst Kinder gebären: Mädchen
als Krankenschwestern für die Spitäler, Jungen als Soldaten in den
Schützengräben – Mutter in Deutschland, Mutter in der Ukraine, sag
NEIN!

Und Pfarrer auf der Kanzel! Wenn sie wieder kommen und dir
sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg rechtfertigen –
Pfarrer auf der Kanzel, sag NEIN!

Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wird alles wieder kommen.”

Ich sage als Theologe zu der Pastorentochter Merkel:
Zweitausend Jahre nach der Bergpredigt, versuchen Sie es doch
wenigstens einmal. Das wäre Verteidigung des Christentums in
Deutschland. Alles andere ist ein Verrat daran.

Ich danke Ihnen sehr.

Gefunden auf Frei-Blog:
http://frei-blog.blogspot.de/p/rede-von-eugen-drewermann-auf-
der.html

Reinhard Mey – Nein meine Söhne gebe ich nicht


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Was das staatliche Schuldenmachen in der Gegenwart von den
Praktiken der Römer […] unterscheidet, ist der Umstand, daß dem
Staat als dem Schuldner, der angeblich niemals Pleite gehen kann,
die Aufgabe zufällt, den debitistischen Prozeß mit immer neuen
Verschuldungen zu strecken, also den Tag des Zusammenbruchs so
weit als möglich hinauszuzögern. Vor diesem Tag aber gilt es, den
Sieg des Kapitalismus global und total zu machen, mit anderen
Worten, buchstäblich die ganze Welt in den Untergang zu reißen.

Eugen Drewermann, Jesus von Nazareth, Befreiung zum Frieden

Ein weitere Seite mit Eugen Drewermann:

https://bilddung.wordpress.com/2012/04/08/ostern-auferstehung-
jesus-von-nazareth-und-die-botschaft-des-friedens/

“Die besondere Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftssystems
besteht darin, dass Geld und Zins miteinander verbunden werden …
Rein mathematisch reißt der Zins die Menschen auseinander:
diejenigen, die an der Armut zugrunde gehen, und diejenigen, die an
der Zahlungsnot des Kreditnehmers immer reicher werden.”
Eugen Drewermann

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